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Verehrtes Publikum,
Sie kennen Nikolaus von Reznicek nicht? Da sind Sie nicht allein. Geboren am 4. Mai 1860 in Wien, mischte sich in ihm als echtem Kind der Donaumonarchie das Blut slawischer, ungarischer und byzantinischer Vorfahren. Diese Wurzeln ließen ihn zu einem frühen Beispiel eines Europäers werden, das uns erst heute vor Augen schwebt. Böhmisches Musikantentum, welches wir von A. Dvorak kennen, vereinte sich mit deutscher Tradition und Einflüssen aus aller Herren Länder. Eine Skizze: Studium in Graz und Leipzig, Hofkapellmeister in Mannheim und Warschau, Kapellmeister an der Komischen Oper in Berlin. Für seine Bühnenerfolge und Symphonien interessierten sich alle großen Dirigenten. Er starb am 2. August 1945 in Berlin.

Eine Suite im „alten Stil“ zu schreiben ist insofern gewagt, als es „zur alten Zeit“ noch kein Sinfonieorchester heutiger Zeit gab. Aber genau das passt zu Rezniceks sehr eigenen Ansichten. Beginnend mit einem heiteren unbekümmerten Marsch und einer Melodie, wie direkt aus dem 15. Jahrhundert abgeholt, lädt er zu einem kurzen Auftakt ein. Dann beginnt die eigentliche „Eröffnung“, majestätisch als Grave diktiert, in ABA-Form, also ruhig-schnell-ruhig gestaltet. Abwechslung ist ein Muss. Die folgende Gigue (frz. „Geige“) kam als schottisches (irisches?) Tanzlied auf den Kontinent und mutierte in Frankreich zum höfischen Vorzeigetanz. Und weil Gegensatz Auflage zu sein schien, folgt ein italienischer Volkstanz aus Friaul, schwer, wuchtig, aber dennoch „Maestro“.

Der Passepied – auch ein französischer Rundtanz der Barockzeit – kommt leichten Schrittes, fast kindhaft, unkompliziert, anmutig daher und bereitet uns auf eine sehr nachdenkliche, abwägende Arie vor, die ihren Reiz in einem betont ruhigen „espressivo“ (mit Ausdruck) kund tut, aber auch nicht vor geistreichen, blitzlichtartigen Ideen zurückschreckt. Schließlich setzt sich der abschließende Rundtanz (tempo di marcia) dem feierlichen Marsch zu Beginn der Suite als angemessener Schluss zur Seite.

Wolfgang Amadeus Mozart hat die Sinfonia concertante für 4 Bläser in der Reisekutsche 1778 entworfen. Das teilte er seinem Vater in einem Brief während der Reise nach Hause mit. Darin schreibt er von solistischen Blasinstrumenten und nennt Flöte, Oboe, Fagott und Horn für diese Aufgabe. Bekanntlich hat er später die Flöte zugunsten einer Klarinette ausgetauscht, so, wie es dann das Meisterwerk in die Konzertsäle gefunden hat. Was ihm dabei am besten gelungen ist, scheint mir die feinfühlige Art des wechselseitigen Spiels zwischen Orchester-“begleitung“ und solistischer Aussage zu sein. So begegnet uns das Werk wie eine Art kunstfertige Unterhaltungsmusik, die uns mit wenigen harmonischen Mitteln auf nette Art erfreut.

Der 2. Satz, welcher kostbare melodische Einfälle aufweist, wird vorwiegend von den Soloinstrumenten bestritten. Auch der dritte Satz mit Variationen über ein „allerliebstes Thema“ gibt den Soloinstrumenten schöne Gelegenheiten, sich klanglich und virtuosenreich hervorzutun.

Zu Camille Saint-Saens finden wir bei Wikipedia wichtige Stichworte: Er lernte mit drei Jahren lesen, schrieb mit 6 Jahren seine erste Komposition, gab mit 11 Jahren sein erstes öffentliches Konzert und war mit 16 Jahren Student in Paris. Es heißt, dass er schon sehr früh als neuer Mozart gehandelt worden sein soll.

Tatsächlich dürften viele von uns seine sinfonische Dichtung „Danse macabre“ kennen. Als „Programm“ liegt dieser Komposition der „Totentanz“, ein Gedicht von Henri Cazalis, zugrunde. In ihm wird eine mitternächtliche Friedhofszene geschildert: Der Tod stößt um Mitternacht an die Gräber. Er spielt auf seiner Fidel, und die Verstorbenen beginnen einen schaurigen Tanz, der mit dem ersten Hahnenschrei wie ein Spuk zu Ende geht.

Wie oft musste ich bei unseren Proben für die 2. Sinfonie an diese einfallsreiche Programmmusik denken. Mir kommt es vor, als hätte Saint-Saens mit der 2. Sinfonie den „Danse macabre“ in etlichen Punkten vorausgedacht. Zu viele Ähnlichkeiten liegen vor: die melodische Formgebung, die rhythmische Gestaltung mit punktierten Noten, Hemiolen oder Synkopen, das Hinwirken auf kleine oder große Ziele mit den Mitteln der Lautstärkensteigerung (Crescendi, marcati, u.v.m.), das Abbrechen eines Gedankens aus dem ff ins pp, dem sofort eine neuer Aufbau folgt. So entstehen mitunter geisterhafte, ja ins Groteske führende Szenen. Unruhe ist angesagt, wenn wir die schnellen Sätze richtig interpretieren wollen.

Generell ist bekannt, dass die Komponisten der Romantik von der Vorstellung behaftet waren: Ich bin ein Genie, und wenn Du meine Musik nicht verstehst, tut es mir Leid. Versuchen wir nun mit dieser Vorstellung beispielsweise das Adagio des 2. Satzes in uns aufzunehmen. Zu dem langsamen Tempo kommt noch die Forderung nach Sordini, den Dämpfern, die auf den Steg eines Streich-instrumentes gesetzt werden. Als weiteres Beruhigungsmittel finden wir Pizzicati in pp-Stärke, fast schon ein Mittel für geisterhafte Szenen. Und doch, wen wundert´s, ist alles eine zauberhaft schöne Musik. Hans Jörg Walter

Die Solisten des heutigen Konzerts haben sich über viele Jahre hinweg mit großer Intensität und Freude ihren Instrumenten gewidmet, die Musik jedoch nicht zu ihrem Beruf gemacht. Neben dem Orchesterspiel pflegen sie auch die Kammermusik in wechselnden Formationen und wirken regelmäßig bei Kantaten, Oratorien und Kirchenkonzerten in der Region mit.

Dem Wunsch der vier Instrumentalisten, über die Mitwirkung im Orchestersatz hinaus das Ensemblespiel zu pflegen und dabei auch solistisch hervorzutreten, kommt die besondere Form der sinfonia concertante entgegen, ist sie doch in der Nachfolge des barocken concerto grosso tatsächlich eine Verschmelzung von Bläserserenade, Divertimento, Solokonzert und Sinfonie.